Elterngeld, Politik und Forschung
Elterngeld und Geburtenrate: Warum diese Debatte oft falsch geführt wird.
Das Elterngeld wird politisch oft so dargestellt, als sei es eine einfache Maßnahme zur Steigerung der Geburtenrate. Das ist zu kurz. Demografische Argumente waren bei der Einführung wichtig, aber das Elterngeld verfolgt mehrere Ziele: Einkommen sichern, Zeit nach der Geburt ermöglichen, Väter beteiligen und Familiengründung erleichtern.
Die kurze Antwort
Das Elterngeld wurde nicht als einfache Prämie eingeführt, damit in Deutschland insgesamt mehr Kinder geboren werden. Diese Darstellung ist zu grob. Sie verfehlt, warum das Elterngeld politisch durchsetzbar wurde und was es für Eltern praktisch leisten soll.
Richtig ist aber auch: Demografische Argumente spielten bei der Einführung des Elterngeldes eine wichtige Rolle. Es ging dabei nicht nur um die Zahl aller Geburten, sondern besonders um die Frage, ob gut ausgebildete und gut verdienende Frauen wegen hoher Einkommensverluste, langer Berufspausen und schlechter Vereinbarkeit auf Kinder verzichten oder Geburten immer weiter aufschieben.
Die bessere Einordnung lautet deshalb: Das Elterngeld ist eine Einkommensersatzleistung, ein Instrument für Betreuungszeit, ein Baustein der Gleichstellung, ein Anreiz für Väterbeteiligung und ein Teil einer Familienpolitik, die Familiengründung erleichtern sollte. Die Geburtenfrage gehört zur Geschichte des Elterngeldes, ist aber nicht der einzige und schon gar nicht der alleinige Erfolgsmaßstab.
Warum die Debatte so leicht schief läuft
In Fernsehsendungen, Kommentaren und politischen Kurzbeiträgen wird das Elterngeld gern auf eine Frage reduziert: Hat es die Geburtenrate erhöht? Wenn die Antwort dann nicht eindeutig „ja“ lautet, folgt schnell die Behauptung, das Elterngeld habe sein Ziel verfehlt.
Genau diese Verkürzung ist problematisch. Sie macht aus einer mehrdimensionalen Familienleistung ein angeblich einfaches bevölkerungspolitisches Werkzeug. Für Eltern ist das nicht nur historisch ungenau, sondern auch politisch gefährlich: Wer das Elterngeld nur als misslungene Geburtenpolitik beschreibt, kann Kürzungen leichter rechtfertigen und blendet aus, dass Familien nach der Geburt tatsächlich Einkommen, Zeit und Planungssicherheit brauchen.
Der rechtliche Ausgangspunkt: Einkommensersatz und Betreuungszeit
Rechtlich ist das Elterngeld eine Familienleistung mit einem klaren Einkommensersatzgedanken. Es soll die wirtschaftliche Lebensgrundlage von Familien in den ersten Lebensmonaten absichern. Das ist der Kern: Eltern sollen nach der Geburt nicht sofort in vollem Umfang arbeiten müssen, nur damit der laufende Lebensunterhalt gesichert ist.
Gleichzeitig soll das Elterngeld ermöglichen, dass Eltern ganz oder teilweise auf Erwerbstätigkeit verzichten, um ihr Kind zu betreuen und zu erziehen. Deshalb gibt es Arbeitszeitgrenzen, Basiselterngeld, Elterngeld Plus, Partnermonate und später den Partnerschaftsbonus. Der Mindestbetrag von 300 Euro zeigt außerdem: Auch Betreuung ohne vorheriges Erwerbseinkommen soll anerkannt werden.
Wer das Elterngeld nur an der allgemeinen Geburtenrate misst, liest diese Rechtsnatur falsch. Das Elterngeld ersetzt Einkommen, ermöglicht Betreuungszeit, beeinflusst Erwerbsverläufe und setzt Anreize für partnerschaftlichere Aufteilung. Die Geburtenfrage kommt hinzu, ersetzt diese Zwecke aber nicht.
Die fünf Ziele des Elterngeldes
Prof. Dr. Martin Bujard, stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), Forschungsdirektor des Bereichs „Familie und Fertilität“ und Professor für Medizinische Soziologie und Familiensoziologie an der Universität Heidelberg, hat die Ziele des Elterngeldes in Politik, Medien und Wissenschaft untersucht. Seine Analyse ist für diese Debatte besonders hilfreich, weil sie nicht nur fragt, was später über das Elterngeld gesagt wurde, sondern wie die Ziele im politischen Entstehungsprozess, in parlamentarischen Dokumenten und in Medien gewichtet wurden.
Aus dieser Analyse ergibt sich kein einzelnes Ziel, sondern ein Fünfklang. Die Ziele hängen miteinander zusammen und erklären, warum verschiedene politische Lager und gesellschaftliche Akteure die Reform unterstützen konnten.
Ziel 1
Einkommen in der Familiengründungsphase sichern
Nach der Geburt fällt häufig Einkommen weg. Das Elterngeld sollte diesen Einschnitt abfedern und Familien im ersten Lebensjahr des Kindes wirtschaftlich stabilisieren.
Ziel 2
Zeit und Schonraum nach der Geburt schaffen
Eltern sollten ihr Kind betreuen können, ohne sofort wieder vollständig in den Beruf zurückkehren zu müssen. Das ist kein Luxus, sondern eine praktische Voraussetzung dafür, dass Familien die erste Zeit nach der Geburt bewältigen.
Ziel 3
Lange Erwerbsunterbrechungen von Müttern vermeiden
Das frühere Erziehungsgeld begünstigte lange Auszeiten. Das Elterngeld sollte kürzere Unterbrechungen, spätere Teilzeit und eine bessere Rückkehr in den Beruf unterstützen.
Ziel 4
Väter stärker in Betreuung einbeziehen
Die Partnermonate sollten einen eigenen Anreiz setzen, damit Väter nicht nur rechtlich, sondern auch praktisch in die Betreuung einsteigen. Das ist bis heute einer der politisch sichtbarsten Teile des Elterngeldes.
Ziel 5
Familiengründung erleichtern
Demografische Ziele waren vorhanden. Sie bezogen sich aber nicht schlicht auf „mehr Kinder um jeden Preis“, sondern auf bessere Bedingungen für Eltern, die wegen Ausbildung, Beruf, Einkommen und Vereinbarkeit hohe Hürden vor einer Geburt sahen.
Politik, Medien und Wissenschaft gewichteten die Ziele unterschiedlich
Besonders wichtig ist Bujards Unterscheidung zwischen Gesetzgebung und öffentlicher Wahrnehmung. In den parlamentarischen Materialien standen Einkommenssicherung, Betreuungszeit und weitere familienpolitische Ziele im Vordergrund. Das Ziel höherer Geburten wurde dort eher indirekt und nachgeordnet behandelt.
In den Medien sah das anders aus. Dort wurde die Geburtenrate besonders häufig als Ziel des Elterngeldes genannt. Bujards Medienanalyse für den Zeitraum 2004 bis 2012 zeigt: Bei den Zielnennungen in den untersuchten Artikeln stand die Geburtenrate mit 28,3 Prozent an erster Stelle, vor Einkommenssicherung mit 24,5 Prozent und Gleichstellung mit 23,3 Prozent. Genau dadurch entstand ein öffentliches Bild, das bis heute nachwirkt: Das Elterngeld wird schneller an Geburtenzahlen gemessen als an den Zielen, die für Eltern im Alltag unmittelbar wichtig sind.
Das bedeutet nicht, dass die Medien das Thema frei erfunden hätten. Demografische Argumente waren real. Sie wurden im politischen Prozess genutzt und haben die Reform mit mehrheitsfähig gemacht. Aber die mediale Verkürzung verschob die Gewichtung: Aus einem Ziel unter mehreren wurde in der öffentlichen Wahrnehmung oft das angebliche Hauptziel.
Warum Akademikerinnen in der Debatte so wichtig waren
Ein zentraler Punkt der damaligen Debatte war die hohe Kinderlosigkeit von Akademikerinnen, besonders in Westdeutschland. Dabei ging es nicht darum, Eltern nach Bildungsgrad unterschiedlich wertzuschätzen. Politisch ging es um eine konkrete Diagnose: Gerade gut ausgebildete Frauen hatten häufig hohe Einkommens- und Karriereverluste zu erwarten, wenn sie Kinder bekamen. Das alte Erziehungsgeld beantwortete dieses Problem kaum, weil es nicht als echter Einkommensersatz angelegt war.
Das Elterngeld änderte diese Logik. Es knüpfte an das vorherige Erwerbseinkommen an und sollte dadurch auch Familien erreichen, bei denen die Entscheidung für ein Kind mit besonders hohen Opportunitätskosten verbunden war. Genau deshalb ist es zu einfach, die Reform nachträglich so darzustellen, als habe der Staat nur pauschal „mehr Geburten“ kaufen wollen.
Die eigentliche Frage lautete differenzierter: Kann Familienpolitik die finanziellen und zeitlichen Nachteile rund um die Geburt so verringern, dass Eltern ihre Kinderwünsche eher verwirklichen können? Und kann sie dies besonders dort, wo Ausbildung, Berufseinstieg, Einkommen und spätere Familiengründung sonst in Konflikt geraten?
Was die Forschung zur Wirkung gefunden hat
Prof. Dr. Martin Bujard und Jasmin Passet untersuchten 2013 die Wirkungen des Elterngeldes auf Haushaltseinkommen und Fertilität. Für die Gesamtbevölkerung fanden sie beim Übergang zum zweiten Kind keinen einfachen Reformeffekt. Das ist der Teil des Befundes, der in zugespitzten Debatten gern herausgegriffen wird.
Der wichtigere Teil liegt in der Differenzierung: Hinter der Gesamtbetrachtung zeigten sich gruppenspezifische Effekte. Die Analysen weisen auf einen Anstieg der altersspezifischen Fertilitätsraten bei 35- bis 44-jährigen Akademikerinnen hin. In der Ereignisanalyse zeigte sich ein signifikanter Interaktionseffekt für Elterngeldreform und dieses Alter.
Übersetzt heißt das: Das Elterngeld hat nicht einfach die Geburtenrate aller Frauen sichtbar nach oben geschoben. Es spricht aber viel dafür, dass es bei einer bestimmten Gruppe das Nachholen aufgeschobener Geburten unterstützt oder verstärkt hat. Genau diese Gruppe spielte in der politischen Begründung eine wichtige Rolle.
Warum die allgemeine Geburtenrate kein fairer Einzelmaßstab ist
Die allgemeine Geburtenrate hängt von vielen Faktoren ab: Wohnkosten, Kinderbetreuung, wirtschaftlicher Unsicherheit, Arbeitsbedingungen, Partnerschaft, Alter bei der Familiengründung, Vertrauen in staatliche Leistungen und kulturellen Erwartungen. Eine einzelne Leistung kann diese Faktoren nicht allein steuern.
Hinzu kommt ein statistisches Problem: Wer nur auf eine Gesamtzahl schaut, übersieht Verschiebungen im Lebenslauf. Wenn Frauen Kinder später bekommen, kann die Geburtenrate kurzfristig niedrig wirken, obwohl Geburten später nachgeholt werden. Bei gut ausgebildeten Frauen ist diese Verschiebung besonders wichtig, weil Studium, Berufseinstieg und stabile Partnerschaft häufig später zusammenfallen.
Deshalb ist die einfache Aussage „Geburtenrate nicht gestiegen, also Elterngeld gescheitert“ fachlich schwach. Man muss fragen, welche Ziele gemeint sind, welche Gruppen betrachtet werden, welcher Zeitraum untersucht wird und welche anderen politischen Maßnahmen gleichzeitig wirken, etwa der Ausbau der Kinderbetreuung.
Was das für die heutige Kürzungsdebatte bedeutet
Wenn heute über Kürzungen beim Elterngeld gesprochen wird, wird die alte Zielverwirrung wieder politisch relevant. Wer das Elterngeld als gescheiterte Geburtenpolitik darstellt, blendet aus, dass die Leistung für Eltern vor allem Einkommensersatz, Planbarkeit und Zeit nach der Geburt bedeutet.
Besonders widersprüchlich sind Kürzungen oder abgesenkte Einkommensgrenzen, wenn man die historische Begründung ernst nimmt. Das Elterngeld sollte gerade auch Familien erreichen, bei denen eine Geburt mit hohen Einkommensverlusten verbunden ist. Wenn diese Familien herausgedrängt werden, schwächt man genau den Teil der Leistung, der den Paradigmenwechsel gegenüber dem früheren Erziehungsgeld ausmachte.
Das heißt nicht, dass jede Regel des Elterngeldes gut ist. Die Kappungsgrenze, die Einkommensgrenze, komplizierte Nachweise, schwierige Bezugsmonate und die Verbindung mit Elternzeit führen in der Praxis zu vielen Problemen. Aber diese Probleme sprechen eher für eine bessere, verständlichere und verlässlichere Familienleistung als für die Behauptung, das Elterngeld sei schon deshalb überflüssig, weil es nicht allein die Geburtenrate steuert.
Meine Einordnung
Ich halte es für falsch, das Elterngeld mit dem Satz abzutun, es habe die Geburtenrate nicht erhöht und könne deshalb abgeschafft werden. Diese Argumentation macht aus einem komplexen familienpolitischen Instrument eine Karikatur.
Aus meiner Beratungspraxis sehe ich täglich, dass Eltern nicht abstrakt über Geburtenstatistik entscheiden. Sie fragen: Können wir uns die ersten Monate leisten? Wann kann wer wieder arbeiten? Wie passen Mutterschutz, Elternzeit, Teilzeit, Steuerklasse, Zuverdienst und Antrag zusammen? Welche Gestaltung führt dazu, dass das Elterngeld zum eigenen Lebensmodell passt und nicht unnötig Geld verloren geht?
Genau an dieser Stelle wirkt das Elterngeld. Es nimmt Eltern nicht jede Unsicherheit. Aber es gibt Familien einen finanziellen Rahmen, in dem sie Betreuung, Beruf und Einkommen nach der Geburt überhaupt planen können.
Quellen und Studien zum Weiterlesen
Die folgenden Studien und Materialien vertiefen die Einordnung. Die verlinkten PDFs sind öffentlich zugänglich und hier als Quellen hinterlegt.
Zusätzlich berücksichtigt ist Bujards Beitrag „Gäbe es das Elterngeld ohne demografische Argumente?“ aus dem Jahr 2017. Dieser Beitrag ist besonders wichtig für die Frage, warum demografische Argumente politisch wirksam waren, ohne dass das Elterngeld deshalb auf ein einzelnes Geburtenziel reduziert werden darf.
Häufige Fragen zu Elterngeld und Geburtenrate
- War die Geburtenrate ein Ziel des Elterngeldes?
- Ja, demografische Argumente spielten eine wichtige Rolle. Falsch ist aber die Behauptung, das Elterngeld sei nur eingeführt worden, um die allgemeine Geburtenrate zu erhöhen.
- Welche Ziele verfolgt das Elterngeld außerdem?
- Einkommen nach der Geburt sichern, Zeit für Betreuung ermöglichen, lange Erwerbsunterbrechungen von Müttern vermeiden, Väter stärker beteiligen, Gleichstellung fördern und Familiengründung erleichtern.
- Hat das Elterngeld bei gut ausgebildeten Frauen gewirkt?
- Die Forschung von Bujard und Passet spricht dafür, dass das Elterngeld bei 35- bis 44-jährigen Akademikerinnen das Nachholen aufgeschobener Geburten unterstützt oder verstärkt hat. Für die Gesamtbevölkerung ist ein einfacher Reformeffekt dagegen nicht nachgewiesen.
- Warum reicht die allgemeine Geburtenrate als Maßstab nicht aus?
- Sie vermischt viele Ursachen: Wohnkosten, Kinderbetreuung, Erwerbsbedingungen, Alter bei Familiengründung, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Verlässlichkeit. Außerdem verdeckt sie gruppenspezifische Wirkungen.