Vom Erziehungsgeld zum Elterngeld
Das frühere Erziehungsgeld war stärker als familienpolitische Unterstützungsleistung angelegt. Das heutige Elterngeld ist dagegen als Einkommensersatzleistung gebaut. Es schaut darauf, welches Erwerbseinkommen vor der Geburt vorhanden war und welches Einkommen nach der Geburt wegfällt.
Dieser Wechsel erklärt, warum das Elterngeld heute so genau rechnet. Es geht nicht nur darum, ob Eltern ein Kind betreuen. Es geht um Bemessungszeitraum, Elterngeld-Netto, Ersatzrate, Zuverdienst, Mutterschaftsleistungen, Lebensmonate und viele weitere Einzelregeln.
Erziehungsgeld
Die frühere Leistung war einkommensabhängig begrenzt und knüpfte nicht an den individuellen Verdienstausfall in der heutigen Form an.
Elterngeld
Das Elterngeld ersetzt einen Teil des wegfallenden Erwerbseinkommens und wird nach Lebensmonaten des Kindes beantragt.
Elternzeit
Der frühere Erziehungsurlaub wurde durch die Elternzeit abgelöst. Auch dort ist die genaue Gestaltung entscheidend.
Warum der Systemwechsel wichtig war
Mit dem Elterngeld sollte nach der Geburt ein finanzieller Schonraum entstehen. Eltern sollten nicht nur eine pauschale Unterstützung bekommen, sondern einen eigenen Anspruch, der sich am vorgeburtlichen Einkommen des jeweiligen Elternteils orientiert.
Das war auch gleichstellungspolitisch wichtig. Der Elternteil, der wegen des Kindes vorübergehend weniger oder gar nicht arbeitet, sollte einen eigenen Anspruch haben. Gerade dieser Gedanke unterscheidet das Elterngeld deutlich vom früheren Erziehungsgeld.
Die soziale Kehrseite des neuen Systems
Für Eltern ohne Erwerbseinkommen brachte der Wechsel zum Elterngeld aber auch eine klare Verschlechterung. Das frühere Erziehungsgeld betrug 300 Euro monatlich und konnte 24 Monate lang gezahlt werden. Beim Elterngeld beträgt der Mindestbetrag ebenfalls 300 Euro, wird aber beim Basiselterngeld nur 12 Monate lang gezahlt, wenn eine Person allein Elterngeld bezieht.
Der soziale Grundbetrag wurde mit der Einführung des Elterngeldes damit faktisch halbiert. Das zeigt gut, dass das Elterngeld vor allem als Einkommensersatzleistung gedacht war. Wer vor der Geburt kein oder nur sehr wenig Einkommen hatte, profitierte vom neuen System deutlich weniger.
Der politische Hintergrund
Dieser Systemwechsel passte zum damaligen politischen Diskurs. Nach den Agenda-Jahren wurde Familienpolitik stärker durch eine Erwerbs- und Leistungslogik geprägt: Wer vor der Geburt gearbeitet und gut verdient hatte, sollte beim Schritt in die Familie nicht zu stark aus seinem bisherigen Lebensstandard herausfallen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel beschrieb 2006 in einer Rede, dass das Elterngeld die Entscheidung für ein Kind erstmals an das vorherige Gehalt kopple und Familienpolitik damit nicht mehr nur Unterstützung für bedürftige Familien sei. In derselben Rede verwies sie auf die damals viel diskutierte Kinderlosigkeit von Akademikerinnen und Akademikern. Auch der Bayerische Rundfunk ordnet die Reform rückblickend so ein, dass Ursula von der Leyen Akademikerinnen wieder mehr Lust auf Kinder machen wollte.
Zur Wahrheit gehört auch: Die damalige Debatte hatte einen harten und teilweise abwertenden Ton. 2005 wurde öffentlich sogar die Formel verwendet, in Deutschland bekämen die „Falschen“ die Kinder. Solche Sätze zeigen, in welchem Klima der Wechsel vom Erziehungsgeld zum Elterngeld diskutiert wurde.
Eine ehemalige Bundesministerin hat mir persönlich gesagt, dass das Elterngeld eingeführt wurde, damit bildungsnahe Familien wieder mehr Kinder bekommen. Dieser Satz passt zu den öffentlich belegbaren Quellen aus jener Zeit. Das Elterngeld war also nicht nur eine neue Familienleistung. Es war auch der Versuch, das Kinderkriegen stärker mit Erwerbsbiografie, Ausbildung und Arbeitsmarkt zu verbinden.
Historische Belege
Aus der Praxis: Ein neuer Name war es nicht
Das Elterngeld hat das Erziehungsgeld nicht einfach umbenannt. Es hat die Berechnung verändert. Seitdem entscheidet die konkrete Erwerbs- und Familienplanung viel stärker darüber, wie hoch das Elterngeld wird und wie lange es sinnvoll bezogen werden kann.
Was vom Erziehungsgeld heute noch wichtig ist
Für heutige Geburten spielt das frühere Bundeserziehungsgeld keine praktische Rolle mehr. Wichtig ist die historische Einordnung: Viele Begriffe, die Eltern noch aus älteren Texten kennen, passen heute nicht mehr. Erziehungsurlaub, Erziehungsgeld und alte Landesleistungen dürfen nicht mit dem heutigen Elterngeldplan verwechselt werden.
Auch alte Antragsformulare oder alte Merkblätter helfen für heutige Geburten nicht weiter. Entscheidend ist die aktuelle Rechtslage beim Elterngeld, bei der Elternzeit und bei den Mutterschaftsleistungen.
Landeserziehungsgeld und spätere Landesleistungen
Neben dem früheren Bundeserziehungsgeld gab und gibt es in einzelnen Ländern zeitweise eigene Familienleistungen. Diese Leistungen haben sich über die Jahre mehrfach geändert, wurden abgeschafft, umbenannt oder durch andere Landesleistungen ersetzt.
Für den heutigen Elterngeldantrag ist deshalb wichtig: Landesleistungen dürfen nicht mit dem Bundeselterngeld verwechselt werden. Wer eine ergänzende Leistung seines Bundeslandes prüfen möchte, muss die aktuelle Landesregelung gesondert ansehen.
Expertentipp von Michael Tell: Erst das heutige Elterngeld sauber planen
Bei heutigen Geburten beginnt die Planung nicht beim alten Erziehungsgeld, sondern beim aktuellen Elterngeld. Wichtig ist, welcher Bemessungszeitraum gilt, welche Elterngeldmonate gewählt werden, ob Zuverdienst geplant ist und wie Elternzeit, Mutterschutz und Einkommen zusammenpassen.