Warum ich zum Elterngeld Stellung nehme
Das Elterngeld entscheidet für viele Familien über mehrere tausend Euro, über Elternzeit, Teilzeit, die Rückkehr in den Beruf und manchmal auch über die Frage, ob ein weiteres Kind finanziell möglich erscheint. Solche Regelungen müssen verständlich, gerecht und praktisch handhabbar sein.
Genau das ist beim Elterngeld nicht immer der Fall. Viele Vorschriften wirken auf den ersten Blick klar, führen in der Praxis aber zu Ergebnissen, die Eltern nicht erwarten und häufig nicht verstehen können. Dazu kommen lange Bearbeitungszeiten, schwer nachvollziehbare Bescheide, unterschiedliche Verwaltungspraxis der Bundesländer und Richtlinien, die den Eltern oft erst spät oder gar nicht bekannt werden.
Meine fachliche Perspektive
Ich sehe das Elterngeld nicht nur aus dem Gesetzestext. Ich sehe es aus der Beratung: mit echten Familien, echten Einkommen, echten Arbeitgebern, echten Elterngeldstellen und echten Bescheiden. Genau dort zeigt sich, ob eine Regelung funktioniert.
Deshalb schreibe ich auf elterngeld.net nicht nur erklärende Texte. Ich ordne ein, wo das Elterngeld sinnvoll gestaltet ist, wo die Verwaltung Eltern unnötig belastet und wo politische Entscheidungen die ursprüngliche Idee des Elterngeldes beschädigen.
Themen, zu denen ich Stellung beziehe
Besonders kritisch sehe ich Regelungen, die das Elterngeld als modernen Einkommensersatz schwächen. Dazu gehören die abgesenkten Einkommensgrenzen, die Kappungsgrenze bei Teilzeit, die komplizierte Behandlung von Selbstständigen und die schwer verständliche Berechnung des Elterngeldes.
Auch die Verwaltungspraxis verdient Kritik. Elterngeldbescheide erläutern die Berechnung nicht ausreichend. Eltern sehen zwar Beträge, Zeiträume und einzelne Merkmale. Sie können aber kaum nachvollziehen, wie aus ihren Daten das konkrete Elterngeld entstanden ist. Fehler in der Software oder in der Bearbeitung fallen dadurch häufig nicht oder erst Jahre später auf.
Auf der Seite zu den Richtlinien zum Elterngeld beschreibe ich außerdem, warum Verwaltungsvorgaben, Bund-Länder-Abstimmungen und interne Hinweise für Eltern so schwer greifbar sind. Das Elterngeld wird nicht nur durch das Gesetz geprägt, sondern auch durch dessen praktische Umsetzung in den Ländern.
Petitionen, Hinweise und politische Arbeit
Ich habe mich wiederholt politisch eingebracht: mit Petitionen, mit Hinweisen an das Bundesfamilienministerium, mit fachlichen Rückmeldungen an Bundesländer und mit öffentlicher Kritik, wenn Änderungen am Elterngeld aus meiner Sicht Eltern schaden.
Besonders deutlich wurde das bei den Einkommensgrenzen. Das Elterngeld wurde 2007 ohne Einkommensgrenze eingeführt. Es sollte gerade nicht nur eine Sozialleistung sein, sondern eine moderne Einkommensersatzleistung mit eigenem Anspruch des jeweiligen Elternteils. Durch die späteren Absenkungen wurde eines der Kernelemente des Elterngeldes herausgerissen.
Auch bei der Einführung des Elterngeld Plus und späteren Änderungen habe ich erlebt, dass politische Kommunikation und tatsächliche Wirkung auseinanderfallen. Nicht jede Reform, die als familienfreundlich verkauft wird, führt in der Praxis zu mehr Elterngeld oder besserer Planungssicherheit.
Aus der Praxis: Eine Regel kann richtig klingen und trotzdem falsch wirken
Viele Regeln des Elterngeldes klingen in der Kurzfassung plausibel. Erst in der konkreten Familie zeigt sich, ob sie tragen: bei Frühgeburt, Mutterschutz, Teilzeit, Dienstwagen, Selbstständigkeit, Geschwisterplanung, Partnerschaftsbonus oder langen Bearbeitungszeiten. Genau deshalb reicht es nicht, das Elterngeldgesetz nur zu lesen. Man muss wissen, wie es in der Praxis wirkt.
Historische Stellungnahmen zum Elterngeld
Vor der Einführung des Elterngeldes wurden im Familienausschuss des Bundestages auch externe Stellungnahmen eingeholt. Diese historischen Stellungnahmen zeigen, dass viele Fragen von Anfang an bekannt waren: Gleichstellung, Erwerbsanreize, soziale Wirkung, Verfassungsfragen und die praktische Umsetzung.
Die damaligen Stellungnahmen sind heute besonders interessant, weil man rückblickend prüfen kann, welche Hoffnungen, Warnungen und fachlichen Einwände sich in der Praxis bestätigt haben. Gerade beim Elterngeld lohnt sich dieser Blick zurück, denn viele Probleme entstehen nicht erst im Antrag, sondern bereits in der Gesetzgebung.
- Stellungnahme von Dr. Thomas Gesterkamp
- Stellungnahme von Prof. Dr. Miriam Beblo
- Stellungnahme von Prof. Dr. Christoph Butterwegge
- Stellungnahme von Dr. Achim Dercks
- Stellungnahme von Dr. Christine Fuchsloch
- Stellungnahme von Claudia Menne
- Stellungnahme von Prof. Dr. Christian Seiler
- Stellungnahme von Prof. Dr. Hans Joachim Meyer
- Stellungnahme von Dr. Markus Warnke
- Stellungnahme von Prof. Dr. Ute Gerhard
Wer wird gehört?
Stellungnahmen im Gesetzgebungsverfahren sind kein offener fachlicher Marktplatz. Gehört wird, wer von den zuständigen Gremien eingeladen oder angefragt wird. Das können Wissenschaftler, Verbände, Institutionen oder einzelne Sachverständige sein. Wer das Elterngeld täglich in der Beratungspraxis erlebt, kommt dadurch nicht automatisch zu Wort.
Ich selbst wurde vom Bundesfamilienministerium nie angehört. Ich habe mich dem Ministerium mehrfach zum fachlichen Austausch angeboten. Zu einem echten Austausch ist es nicht gekommen. Das finde ich sehr schade, weil die praktische Erfahrung aus der Beratung viele gesetzgeberische und verwaltungspraktische Fehler früh sichtbar machen würde. Mittlerweile habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass das Familienministerium diese unabhängige Praxissicht wirklich einbeziehen möchte.
Expertentipp von Michael Tell: Fachliche Kritik ist Teil guter Beratung
Meine Beratung soll Eltern helfen, die bestehenden Regeln optimal zu nutzen. Meine Stellungnahmen gehen einen Schritt weiter: Sie zeigen, wo diese Regeln verbessert werden müssen. Beides gehört zusammen, wenn man das Elterngeld ernst nimmt.